Über die Freimaurerei

 

Freimaurerei zwischen gestern und morgen

 

von Marco Badilatti, ehemaliger Stuhlmeister der Loge Modestia cum Libertate, Zürich*

 

Einleitung

 

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“

 

Vier Blinde begegneten einem Elefanten. Der eine berührte sein Bein und meinte: „Der Elefant gleicht einem Pfeiler.“ Der zweite, der seinen Rüssel betastete, hielt ihn für eine dicke Keule. Der dritte strich mit seiner Hand über den Unterleib des Tieres und verglich es mit einem grossen Krug. Der vierte, der die Ohren berührte, befand, der Elefant gliche einem Fächer. Nun begannen sie untereinander über die Gestalt des Elefanten zu streiten und wurden dabei immer heftiger. Einer, der vorüberging, hörte diesen Streit und fragte nach dem Grund. Sie erzählten ihn und baten um seinen Schiedsspruch. Er aber sprach: „Nicht einer von Euch kennt den wirklichen Elefanten in seiner Ganzheit. Er ist weder einem Pfeiler, einem Krug, noch einem Fächer oder einer Keule ähnlich. Nur seine Beine gleichen einem Pfeiler, sein Rüssel einer grossen Keule, seine Ohren einem Fächer und sein Leib einem dicken Krug. Der Elefant selbst ist eine Verbindung von diesem allem, verkörpert sie alle in einem.“

 

Wie in diesem altindischen Gleichnis streiten die Menschen seit Jahrtausenden und bis heute über die Religion, die Wissenschaft, die Politik, die Wirtschaft oder über die Kunst, nachdem jeder einen ganz bestimmten Aspekt eines Fachgebietes wahrgenommen hat und sich im irrigen Glauben wähnt, damit schon das Ganze erfasst zu haben und überblicken zu können. So geht es auch mit der Freimaurerei. Seit bald 300 Jahren wird innerhalb und ausserhalb des „Tempels der Humanität“ darüber gerätselt, was Freimaurerei sei, wird debattiert und spekuliert, erscheinen über sie Essays, Broschüren, Bücher, Katechismen und Pamphlete aller Art. Ebenso werden Musikwerke , Filme und Ausstellungen geschaffen, wissenschaftliche Seminare und Symposien für Insider sowie Vorträge, Tage der offenen Türe oder eben Ringvorlesungen für Aussenstehende veranstaltet. Und nun soll ich heute auch noch meine Definition dazu beisteuern. Da muss ich Sie leider ernüchtern. Denn trotz meiner mittlerweile über 40-jährigen Zugehörigkeit zum Bruderbund, gestehe ich Ihnen freimütig: ich weiss nicht, was Freimaurerei im Innersten letztlich ausmacht, da ich immer noch daran bin, mich vorzutasten auf ihren Wesenskern und damit auf meine eigene Mitte zu. Immerhin: dass ich so lange ausgeharrt habe, darf man durchaus so deuten, dass an ihr etwas dran sein muss. Was ich Ihnen also vortragen kann, sind bestenfalls ein paar persönliche Überlegungen zu Teilaspekten der Freimaurerei, so wie ich sie bisher wahrgenommen habe und interpretiere.

 

Jeder, der sich näher für die Freimaurerei interessiert, findet heute in jeder guten Bibliothek oder Buchhandlung einschlägige Literatur über ihre Geschichte, ihr Brauchtum, das Leben und Wirken ihrer bekanntesten Mitglieder, aber auch über ihre Gegner und die Entwicklung des Logenlebens weltweit, in der Schweiz und in einzelnen Städten unseres Landes. Manche Fragen lassen sich damit erhellen, Anderes bleibt dem Neugierigen mysteriös, unverständlich. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn er sich noch so viel über sie zu Gemüte führte. Warum? Ganz einfach, sie ist keine Lehre im Sinne einer philosophischen Schule oder eines andern in sich abgeschlossenen Denksystems, das rein intellektuell zu erklären und zu erschliessen wäre – und sie will es auch nicht sein. Nein, ihr haftet sehr wohl auch ein Quäntchen Irrationales an, welches das Unbewusste stärker anspricht als das Bewusste, der Seele näher steht als dem Kopf. Und das wirkt auf viele Aussenstehende sowohl faszinierend wie irritierend. Dabei wird leicht übersehen, dass die Freimaurerei mit ihren Ritualen und Symbolen keinen Selbstzweck verfolgt, auch wenn das gelegentlich selbst mancher Logenbruder vergisst, sondern primär praktische Ziele verfolgt. Denn unser Bund versteht sich als eine Lebensschule und hält seine Mitglie­der an, die „Königliche Kunst“, wie wir für Lebenskunst zu sagen pflegen, zu erlernen und immer besser zu beherrschen. Allerdings verkennte man sie gründlich, erwartete man von ihr Antworten auf die Kernfragen der menschlichen Existenz oder gar Geheimwissen zur Bewältigung unseres Daseins oder sozialer Probleme. Logen bieten nur Rahmenbedingungen, Anregungen, Werkzeuge, überlassen es aber jedem einzelnen Mitglied, sie einzusetzen und in sein Leben zu integrieren - inner- und ausserhalb der Loge. Wer gewillt ist, den schwierigen Kampf mit sich selbst aufzunehmen, kann über sie durchaus wertvolle Erkennt­nisse gewinnen und auf seinem Individuationsweg Fortschritte erzielen. Dies freilich eingedenk der Tatsache, dass andere Wege ebenfalls aus der Finsternis dem Licht entgegenführen und auch in der Freimaurerei beileibe nicht alles Gold ist was glänzt.

 

Lassen Sie mich deshalb mit Ihnen zunächst kurz über einige philosophische Grundfragen nachdenken, wie sie sich jeder Mensch gelegentlich stellt und mit denen der Freimaurerbund seine Mitglieder immer wieder konfrontiert. Von hier aus wollen wir den Gründen nachgehen, was Menschen von heute in diesem Bunde suchen und was sie allenfalls davor zurückschrecken lässt. Dann werde ich versuchen, die Kernanliegen und Instrumente der Freimaurerei besonders mit Blick auf ihre praktische Bedeutung zusammenfassend darzustellen. Spätestens an dieser Stelle wird auch zu prüfen sein, inwiefern Wirklichkeit und Logenalltag noch mit ihren Idealen übereinstimmen, ob ihr im Wesentlichen der Aufklärung entsprungenes Gedankengut und ihre Bräuche angesichts neuartiger Herausforderungen der heutigen Gesellschaft noch etwas taugen, welche Gefahren dem Bund lauern und welche Chancen sich ihm in Zukunft allenfalls bieten. Dies im Bewusstsein, dazu nur ein paar bescheidene Gedankenanstösse liefern zu können, nicht aber Rezepte, Programme oder gar Formeln. Denn Freimaurerei ist ihrer Entstehung und ihrem Wesen nach weder Religion, noch Politik oder Wissenschaft, sondern eine kulturelle Errungenschaft und am ehesten mit der Kunst verwandt. Das macht es so schwierig, über sie zu sprechen und sie zu beurteilen. Wir können zwar eine Symphonie, ein Gemälde, eine Dichtung nach gewissen Merkmalen untersuchen, können etwa prüfen, welchen formalen Gesetzen sie folgen. Ob uns das Werk jedoch anspricht, bewegt oder gar beflügelt, ist eine andere Frage. Ähnlich verhält es sich mit einem Freimaurer-Ritual. Entscheidend ist auch hier nicht die Form, sondern der Inhalt und wie beides zusammen vermittelt, wahrgenommen und innerlich verarbeitet wird.

 

Hauptteil

 

1. Philosophische Grundfragen

 

Im Eröffnungsvortrag zu dieser Ringvorlesung hat der Referent unter anderem seine Eindrücke über den Besuch einer Tempelarbeit für Aussenstehende geschildert und festgestellt, dass ihn einerseits die freimaurerischen Ideale beeindruckt, das Ritual mit seinen Symbolen aber kaum berührt und das Ganze auf ihn eher museal gewirkt hätte. Er fragte sich deshalb, ob sich die Freimaurerei nicht überlebt habe. So aufschlussreich diese Beobachtung eines neutralen Zaungastes ist, so deutlich deckt sie die Grenzen auf, öffentlich und auf Anhieb nachvollziehbar vermitteln zu können, was zum Wesen, zum Intimbereich einer geschlossenen Gesellschaft gehört. So wird kein abendländischer Tourist behaupten wollen, etwa den Buddhismus oder den Islam begriffen zu haben, nachdem er in einem tibetischen Kloster oder in einer Moschee einer religiösen Zeremonie beigewohnt hat. Manches, was er dabei erlebt, wird ihn vielleicht bewegen, anderes bekannt vorkommen und ihn an christliche Rituale erinnern, vieles aber unverständlich bleiben. Einfach, weil er ungenügend vorbereitet ist, um das Geschehen erfassen und gerecht beurteilen zu können.

 

Ich möchte das noch an einer eigenen Erfahrung verdeutlichen: Nach einem langen Interview mit einer bekannten Tageszeitung, drängte mich der Journalist dazu, ihn zu einer Tempelarbeit zuzulassen. Natürlich winkte ich ab, was ihn aber in seinem Verdacht bestärkte, es geschähen im Tempel vielleicht doch Dinge, die wir vor der Öffentlichkeiteverbergen müssten und die deshalb niemand erfahren dürfe. Erst als ich dem Mann beigebrachte hatte, ob er denn glaube, der Welt Rechenschaft zu schulden, weshalb er etwa von Zeit zu Zeit bewusst ganz allein im Wald spazieren, seinen Gedanken über Gott und die Welt nachhängen, in seiner Stube meditieren, eine Predigt oder Messe besuchen oder eben auf dem Lindenhof einer Tempelarbeit beiwohnen wolle, wurde er nachdenklich. Und langsam schien er zu begreifen, dass es in unseren Aufnahmen und Beförderungen um Dinge geht, die zum persönlichsten Bereich jedes Menschen gehören und man sich deshalb jede öffentliche Zurschaustellung verbeten haben möchte.

 

In Tat und Wahrheit dreht sich in der Freimaurerei fast alles um drei Grundfragen unserer Existenz, wie wir sie seit alters auch in der Philosophie begegnen und die sich der denkende Mensch zu jeder Zeit, in jeder Kultur und in jedem Lebensalter immer wieder stellt, stellen muss, will er im Chaos dieser Welt, in seiner individuellen Unwissenheit und Verlorenheit, im Räderwerk der täglichen Belanglosigkeiten nicht den Blick für das Wesentliche verlieren. - Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? - In allen Ritualen wird der Freimaurer in verschiedenen Abwandlungen mit diesen Themen konfrontiert. Man mag darüber streiten, ob das Gefäss und die Formen, womit in den Logen versucht wird, das Individuum zu einer philosophischen Lebensführung anzuregen, der Weisheit letzter Schluss sei, mag auch daran zweifeln, ob diesem hohen Anspruch gerecht zu werden sei. Doch über eines sind sich alle Körperschaften, die seit Jahrtausenden ähnliche Ziele verfolgen, und auch alle namhaften Denker der Geistesgeschichte einig: dass die Selbstfindung des Menschen nicht im Lärm und den Zerstreuungen des Alltages, sondern am ehesten über die Stille, die Meditation, im Nachdenken – allein und in der Gemeinschaft - zu erreichen ist. Da es nicht jedermanns Sache ist, einen solchen Weg zu beschreiten, und im Falle der Freimaurerei, nicht jeder mit uralten Bräuchen etwas anzufangen weiss, war unser Bund noch nie eine Massenbewegung und dürfte es auch niemals werden.

 

Umgekehrt muss doch eindringlich darauf hingewiesen werden, dass unsere Rituale und Symbole keinen Selbstzweck verfolgen und schon gar keine Objekte der Anbetung darstellen. Sie sind nur ein Hilfsmittel und dienen ausschliesslich dazu, den aufzunehmenden oder zu befördernden Kandidaten und jeden im Tempel anwesenden Bruder zur Besinnung aufzufordern: genauer zur Reflexion über sich selbst, seine Herkunft und seine Bestimmung, seinen Charakter, sein Denken, Reden und Handeln, sein Gelingen und Scheitern. Er soll aber auch nachdenken über seine Stellung in Raum und Zeit und sich zugleich Klarheit verschaffen über seine Beziehung zur Transzendenz als einer wie auch immer gearteten höheren Ordnung, von der ich zwar nur ein Teil und mit der ich dennoch unentrinnbar verwoben bin. Und im Angesicht der übrigen Teilnehmer geht es zudem darum, mich auf meine Aufgaben, Pflichten und Verantwortungen gegenüber dem Du, meinen Mitmenschen und der Gesellschaft zu besinnen und mir Rechenschaft abzulegen, ob und wie ich diese wahrnehme und was hier und jetzt zu tun ist, damit ich vor mir selbst und meinem Nächsten bestehen kann.

 

Aber ist es wirklich das, was heutige Menschen an der Freimaurerei interessiert und an unsere Tempelpforten pochen lässt? Jain, denn die Vorstellungen über sie und die Erwartungen an sie sind so vielfältig wie die Individuen, die zu ihr finden.

 

2. Was suchen Männer in einer Loge?

 

Aufgrund der vielen Bewerbungsgespräche, die ich im Laufe der Jahre mit Interessenten führen durfte und die das ganze Spektrum vom 25- bis 70-Jährigen, alle Berufsgattungen und Hierarchiestufen und neben Schweizern fast ebenso viele Ausländer, Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften und Konfessionslose umfassten, lassen sich die Kandidaten grob nach vier Gruppen ordnen:

 

Zur ersten gehören Menschen, die man als geistige Sucher bezeich­nen könnte. Unbefriedigt vom Alltagstrott und erahnend, dass sich des Lebens­sinn nicht in diesem erschöpfen kann, zuweilen aber auch bestrebt, ein weltanschauliches Vakuum zu fül­len, ver­sprechen sie sich von der Freimaurerei Denk­anstösse, Orientierung, Gespräche über philosophische, spirituelle oder gesellschaftliche Themen, Beschaulichkeit oder emotionale Erfahrungen, wie sie Tempelarbeiten vermitteln können.

 

Dann gibt es Männer, die von einem Logenbeitritt primär Geselligkeit und Freundschaft erwarten. Sie wollen einfach für ein paar Stunden ihrem gewohnten Umfeld entfliehen, mit andern Men­schen zusam­mentreffen und sich mit ihnen austauschen, vorzugsweise über historische, saatsbürgerliche und aktuelle Zeitfragen, im kleinen Kreis oder im Rahmen von Vorträ­gen und Diskus­sionen.

 

In die dritte Kategorie fallen Interessenten in einer persönlichen Krise. Sie rechnen sich von einem Logenbeitritt die Lösung ihrer Probleme aus und sind die heikelsten Fälle. Denn ihnen muss beigebracht werden, dass eine Loge weder ein Sozial­amt, noch eine therapeutische Klinik, noch ein Zirkel zum Bezug von Himmelfahrtskarten und auch keine Privatbank zur Sanierung einer existenz­gefährde­ten Firma ist.

 

Ferner finden sich Kandidaten, die von der Loge berufliche und gesellschaftliche Vorteile erhof­fen. Da sie ihre Beweggründe häufig verbergen, ist es nicht immer leicht, diese sofort aufzuspüren. Früher oder später tauchen sie aber doch ans Licht und können dann leicht zu Problemen führen. Meist enden sie in gegenseitiger Ent­täu­schung - bis hin zum Austritt oder Aus­schluss. Wer also in der Freimau­rerei materielle Ziele verfolgt, missbraucht sie und hat in ihr nichts zu suchen.

 

Natürlich kommen neben diesen Grundtypen auch Misch­formen vor, namentlich zwischen der ersten und zweiten Gruppe. Dazu zu zählen sind Suchende, denen die Innen- und Aussenwelt gleichermassen wichtig erscheint, diese miteinander verbinden, im Gleichgewicht halten wollen und sich dazu von unsern Arbeiten Anregungen erhoffen. In jedem Fall übernimmt die Loge eine grosse Verantwor­tung: hier, um unerwünschte Einflüsse von ihr fernzuhalten, dort um die hohen Erwartungen nicht zu enttäu­schen oder unrealistische zu dämpfen. Denn auch die Freimaurer kochen nur mit Wasser.

 

Und was hält Männer von einem Logenbeitritt ab? -  Neben der Beanspru­chung durch anderweitige Aufgaben sind es vorab konfessionelle, karrieristische, politische, familiäre und psycho­lo­gi­sche Gründe, die Anschlusshemmungen verursachen. Nun irrte man aller­dings, wenn man glaubte, es seien nur streng­gläubige Katholi­ken, die sich durch doktrinäre Elemente in der römischen Kurie und deren Unvereinbarkeitsklauseln von einem Logenbei­tritt ab­schrecken liessen. Auch unter refor­mierten Zeitgenos­sen geistern zuweilen die seltsam­sten Verhaltensmuster herum. So wurde mir einmal von einem Pfarrherrn im Zürcher Oberland verweigert, am Grab eines verstorbenen Bruders im Namen der Loge die drei berühmten weissen Rosen niederzulegen - ein Brauch, der gerade Nichtfreimaurer mitunter sehr berührt. Umgekehrt hat es von den Anfängen dieses Bundes bis heute auch in der katholi­schen Kirche immer wieder liberale Kardi­näle, Bischöfe und Ordensvertreter gegeben, die in bestem Einver­neh­men mit den Freimau­rern lebten und leben. Genauso, wie es refor­mierte oder jüdische Würdenträger gibt, die gleichzeitig einer Loge angehören oder als Gastreferenten Vorträge in ihren Reihen halten. Anderseits erstaunt immer wieder, wie vermeintlich auf­ge­schlos­sene Geschäftsherren und Politiker auf das Reizwort "Freimaurerei" reagieren. Dabei ist mir bis heute nie ganz klar gewor­den, ob hier Vorurteile, Unwissenheit, Opportunismus oder verbor­ge­ne Ängste dafür ausschlaggebend sind. Wie bei einem angesehenen Katholiken, der drauf und dran war, unserer Loge beizutreten, dann aber darauf verzichtete. Denn auf seine plötzliche Unsicherheit und Frage hin, ob die Freimaurerei mit seinem Glauben vereinbar sei, verwies ich ihn an sein Gewissen und notfalls an seinen Bischof. Dieser legte ihm eine Erklärung des in dieser Frage unerbittlichen Leiters der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger von 1983 vor (von 2005-2013 Papst Benedikt XVI.). Demnach befänden sich Gläubige, die „freimaurerischen Vereinigungen angehören, „im Stand der schweren Sünde“ und dürften sie „die heilige Kommunion nicht empfangen.“ Pech für den Kandidaten war, dass er sich ausgerechnet an jenen Seelenhirten gewandt hatte, der wenig später auf Druck seiner Schafe ins nahe Fürstentum Liechtenstein versetzt wurde: Erzbischof Wolfgang Haas.

 

Ein letzter wichtiger Grund, weshalb Männer sich von der Freimaurerei fernhalten: Vermehrtes Gleichberechtigungs- und Partner­schaftsdenken lassen bei vielen Zeitgenossen reine Männerbünde als gesellschaftlich überholt erscheinen. Deshalb gibt es auch Frauen, die sich von Anfang an gegen einen Logen­beitritt ihrer Partner sträuben, oder aber später Probleme damit bekommen, wenn ihr Mann in der Loge sitzt und sie zu Hause. Partnern, die alles gemeinsam erleben müssen, ist daher dringend zu raten, sich einer gemischten Loge oder einer andern Organisation anzuschliessen. Und Frauen, die unter sich sein wollen, stehen Frauenlogen zur Verfügung. Warum also sollte es keine Männerlogen geben? Zumal in einer Zeit und Gesellschaft, wo Frau und Mann doch längst so emanzipiert sind, dass sie sich auch in anderen Lebensbereichen gegenseitig einen grossen Freiraum zugestehen und es zudem in meiner Bauhütte seit langem Anlässe gibt, an denen auch unsere Lebenspartnerinnen teilnehmen können. Es dürfte daher kaum überraschen, wenn ich verrate, in welchem Kreise ich die für mich bisher interessanteste und von grösstem gegenseitigen Verständnis und Respekt geführte Diskussion über die Freimaurerei erlebt habe: mit rund 100 Vertreterinnen des Vereins der geschäftsführenden Frauen der Stadt Zürich – notabene auf dem Lindenhof!

 

3. Welche Ziele verfolgt die Freimaurerei?

 

Ich meine damit Ziele, die sich über die Tempelarbeiten hinaus sinnvoll in den Alltag des einzelnen Mitgliedes und in das gesellschaftliche Leben integrieren lassen? Darauf zu antworten ist nicht ganz einfach. Das fängt schon bei den "Alten Pflichten" im Konstitutionenbuch Andersons von 1723 an, die noch heute so was wie den freimaurerischen Ehren­kodex darstellen. Diese enthalten zwar beherzigenswerte, nach wie vor gültige, in Einzelheiten aber vielleicht neu inter­pre­tati­onsbe­dürftige Verhaltensre­geln, jedoch kaum einen Hinweis dar­auf, was damit angestrebt wird. Und wenn Lessing in seinem "Ernst und Falk" schreibt, die Freimaurerei habe es sich zur Aufgabe gemacht, "den unvermeidlichen Übeln des Staates entgegen zu arbeiten", oder Herder betont, der gei­stige Zweck der Freimaurerei sei "das grosse Werk des Baues der Mensch­heit", erscheint uns heute auch das etwas gar abgehoben. Verbindlicher heisst es in den "Allge­meinen maureri­schen Grundsät­zen der Schweizerischen Grossloge Alpi­na": "Der Zweck des Freimaurerbundes ist die Erziehung seiner Mitglieder zum wahren Menschentum. Die Mittel zu diesem Zweck sind die Übung der von den Baubrüderschaften übernommenen symbolischen Gebräuche, gegenseitige Belehrung über die wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit, pflege des Idea­len und Anregung zu wahrer Freundschaft, Erfüllung der sozia­len Pflichten und Pflege der Wohltätigkeit." Noch konkreter formuliert es Gottlieb Imhof in seiner Kleinen Werklehre, wo er schreibt, der Freimaurerbund wolle den Einzelnen „zu einer sittlich verantwortungsvollen Persönlichkeit und zu einem opferfähigen Glied der menschlichen Gesellschaft“ erziehen, was an Kants kategorischen Imperativ erinnert. Als Nebenziele definiert Imhof „die Förderung des allgemeinen Wissens und profaner Bildungsbestrebungen“ und verlangt als unverzichtbare Voraussetzung, dass „das Streben nach Humanität und der Wille zur Toleranz“ bereits bei einem Aufnahmekandidaten erkennbar sein müssten.

 

Im Mittelpunkt der Freimaurerei stehen also offenkundig das Individuum und erzieherische Anliegen. Denn sie hat sich vorgenommen, ihre Mitglieder zur Arbeit an sich selbst anzuhalten und die maureri­schen Ideale in den Logen und im täglichen Leben aktiv umzuset­zen. "Erke­nne Dich selbst und werde, der Du bist", lautet des­halb der zentrale Aufruf, dem sich der Freimaurer gegenübergestellt sieht und der zum Ziel hat, im Menschen einen ­Wand­lungs- und Reife­prozess in Gang zu setzen und zeitlebens zu halten. Diese auf die persönliche Entwicklung ausgerich­te­te Methode ist weder bequem noch er­scheint sie in unserer hedonistischen Gesellschaft besonders aktuell, geschweige denn attraktiv. Schaut man aber etwas genauer hin und überdenkt es sich, weiss sie gerade durch eine ihrer Binsenwahrheiten zu bestechen, wonach der einzelne Mensch am wirksamsten dazu beiträgt, die Welt zu verbessern, indem er bei sich selbst beginnt. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn bekanntlich neigt die menschliche Natur dazu, besser zu wissen, was ihr an der Welt und an ihren Mitmenschen missfällt, als wo im eigenen Leben Handlungsbedarf besteht.

 

Neben der Pflicht, an sich zu arbeiten, wird der Freimau­rer durch seine Gelöbnisse aber auch angehalten, seine Mitverantwortung als Glied der menschlichen Gemeinschaft wahrzunehmen, indem er sich persönlich einsetzt für Gewissens-, Glaubens- und Geistesfreiheit, für Menschenrechte und Menschen­würde, für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Heimat­lan­des und zudem jedes aufrichtige Bekenntnis und jede ehrliche Überzeugung Dritter achtet, die Verfolgung Andersdenkender verwirft und der Intoleranz entgegentritt. Zugleich verpflichtet sich der Freimaurer, die Bildung und Aufklärung zu fördern, brüderliche Gesinnung gegenüber allen Mitmenschen zu üben. Weiter werden von einem Mitglied Diszi­plin und Verschwiegenheit erwar­tet. Auf der operativen Ebene ist jeder Bruder angehalten, sich für ehrenamtliche Aufgaben zur Verfügung zu stellen, was bei einer Bauhütte wie der meinigen mit ihrer Verwaltung in der Grössenordnung eines mittleren Betriebes bei gewissen Funktionen zu vergleichen ist mit der Beanspruchung eines Behördenamtes in einem Gemeinde-, Schul- oder Kirchenrat.

 

4. Die „Werkzeuge“ der Freimaurerei

 

Um ihre Ziele zu verfolgen, bedienen wir uns mehrerer Instrumente. Sie sind einigen schon in einem andern Vortrag begegnet, doch sollen sie hier mit Blick auf meine späteren Gedanken nochmals in Erinnerung gerufen und näher ausgeleuchtet werden. Wir können sie grob in drei Grup­pen glie­dern: in Grundprinzipien und Kardinaltu­genden, in Symbole, Rituale und Grade und in praktische Arbeiten.

 

Grundprinzipien und Kardinaltugenden

 

Diese lassen sich zusammenfassen in den Begriffen der Humani­tät, Toleranz und des Kosmopolitismus. Die Humanität fordert das Bekenntnis zum Mit­menschen, zur gegenseitigen Anteilnahme und Mitverantwor­tung im Dienste der Gemeinschaft, zu Hilfsbe­reitschaft, Wohltätig­keit, kurz zu aktiver Nächstenliebe aus der Erkenntnis heraus, dass wir alle zusammengehören, weltweit eine Schick­salsgemeinschaft darstellen, Teile eines grossen Ganzen sind. Freimaurerische Toleranz entspringt der Ein­sicht, dass niemand die absolute Wahrheit besitzt und dass wir deshalb jedem auch dann mit Achtung begegnen sollen, mit dessen Ansichten wir nicht einig gehen. Ein solches Toleranzverständnis setzt voraus, dass wir gegebenenfalls bereit sind, eigene Vorurteile und Irrtümer einzusehen und aufzugeben, aber auch die Grenzen der Toleranz zu bestimmen. Mit dem Kosmopoli­tismus schliesslich unter­streicht die Freimau­rerei den weltumspan­nenden Charakter ihrer Ideale und die Notwendigkeit, allen äusseren Schranken zum Trotz zum Kern unserer Mitmenschen und des in ihnen wirkenden A.B.A.W. v­orzudringen. Das bedingt, dass wir uns mit dem Andersartigen beschäftigen, ihn verstehen lernen, mehr das Gemeinsame als das Trennende in ihm suchen und erkennen, ihn in seiner Einzigartigkeit annehmen.

 

Während seiner Logenlaufbahn wird der Freimaurer vor allem mit drei Kardinaltugenden vertraut gemacht: mit der Justitia, Moderatio und Sapientia - also mit der Ge­rech­tigkeit, Mässigung und Weisheit. Die Logenrituale fordern dazu auf, über die Natur von Recht und Gerechtigkeit nachzu­den­ken, nach den in uns schlummernden göttli­chen Gesetzen zu forschen und unser Denken, Urteilen und Handeln an ihnen zu üben. Die Tugend des zweiten Grades, die Mässigung, ­wird dem Freimau­rer-Gesellen ans Herz gelegt, eingedenk, dass einer­seits Masslosigkeit früher oder später in die Irre führt und ander­seits kluges Masshalten nicht nur Entbehrungen nach sich zieht, sondern auch Gewinn in Form von neuen Einsichten und Wertvorstellungen. Im Meistergrad endlich begeg­nen wir der Tugend der Weisheit. Bescheiden die eigenen Grenzen und diejenigen dieses Planeten zu erkennen, sein Schick­sal zu bejahen und auch mal zu lachen über sich selbst und das grosse Weltthea­ter, sind kleine aber praxisbezogene Schritte in Richtung einer mehr von innen als von aussen gelenkten Lebensführung, bei der uns weder die Modetor­heiten der Zeit, noch die wech­sel­vollen Stürme des Daseins so schne­ll aus dem Lot zu bringen vermö­gen.

 

Symbole, Rituale und Grade

 

Un­sere Hauptsymbole sind die drei grossen Lichter Bibel, Win­kelmass und Zirkel. Die Bibel oder ein anderes Heiliges Buch der Kulturgeschichte versinnbildlicht in unsern Ritualen das Göttliche, weist uns auf das Transzendente hin und er­mahnt zugleich, uns in unse­rem Denken, Fühlen und Handeln von diesem leiten zu las­sen. Ge­setz, Recht und Ordnung werden in der Freimaurerei durch das Win­kelmass symbolisiert. Es hält uns an, diese Grundbe­din­gungen mensch­lichen Zusammenlebens in allen unseren Oblie­gen­heiten im Auge zu behalten, gerecht gegenüber der Umwelt und kritisch gegenüber uns selbst zu bleiben. Der Zirkel schliesslich steht für eine den Bruder und alle Mitmenschen umfangende Liebe, die immer grössere Kreise ziehen soll. Diesen und weiteren Symbolen begegnet der Freimaurer im Rahmen der Tempelarbeiten. Dabei handelt es sich um Aufnahme- oder Beförde­rung­sfei­ern, bei welchen der Neuling in einer Ver­bin­dung von Handlungen, Symbolen, Unterweisungen, Kontempla­tion und Musik erstmals mit dem Wesen und den Zielen des jeweiligen Grades vertraut gemacht wird und die für jeden Schlüsselerlebnisse auf seinem maurerischen Werdegang dar­stel­len. Tempelarbeiten dienen jedoch nicht nur der Einfügung neuer Mitglieder in die Logengemeinschaft, sondern ­zugleich der Sammlung und Besin­nung auf die ethischen Normen des Bundes sowie der Vertiefung menschlicher Bindungen innerhalb der Bruderschaft. Einen der Höhepunkte bildet dabei ein gradspezifisches Gelöbnis. Über diese Feiern versucht die Freimaurerei die tieferen Schich­ten der Seele anzusprechen und Unbewusstes ans Tageslicht zu heben. Zu den Tempel-Arbeiten gesellen sich vom Herbst bis im Frühsommer meist einmal in der Woche Konferenzen mit Vorträgen von Brüdern der eigenen oder einer andern Loge, gelegentlich auch von externen Referenten über maure­ri­sche, philo­so­phische, psycho­logische, naturwissen­schaftli­che, staatsbür­ger­liche Themen oder aktuel­le Zeitfra­gen sowie gradspezifische Instruktionen, bei denen die Angehörigen eines Grades in dessen Gedankengut und Symbolik eingeführt werden.

 

Ob mit oder ohne Freimaurerschurz: Inneres Reifen will erdauert sein und ist ein lebenslanger Prozess. Daher erfolgt die maurerische Erziehungs­arbeit in Etappen - vom Lehrling, über den Gesellen zum Mei­ster. Diese Stufen versinnbildlichen die menschliche Entwick­lung von der Geburt über das Leben bis zum Tode. Im Lehr­lingsgrad heisst die Losung "schau in Dich!"; folgerichtig obliegt die Selbsterkenntnis des Maurers auf dieser Stufe. "Schau um dich!", heisst es im Gesellengrad, wo der Kandidat angehalten wird, sich namentlich in der Selbstbe­herrschung zu üben und sich in die Gemein­schaft der Mit­menschen einzuordnen. Der Selbstver­voll­kommnung ist der Meistergrad ge­weiht; "schau über Dich!" lautet hier die Weisung; in ihm soll der alte Mensch in uns sterben und mit neuen Erkennt­nissen über sich, die Welt und den Kosmos gleichnishaft wiedergebo­ren werden.

 

praktische Arbeiten

 

Jede Loge und vor allem solche mit eigenen Liegenschaften, umfangreicheren Bibliotheken, Archiven und einem Restaurationsbetrieb muss einen beträchtlichen Verwaltungsaufwand bewältigen. Diese Aufgabe obliegt einem auf eine bestimmte Amtsdauer gewählten Beamtenkollegium (Vorstand), dem der Meister vom Stuhl vorsteht, das sich aus fachlich qualifizierten Logenmitgliedern zusammensetzt, an gesetzliche Vorgaben gebunden ist und der Lehrlingskonferenz (Versammlung aller Logenmitglieder) als oberstem Logenorgan und bei gewissen Fragen der Meisterkonferenz gegenüber verantwortlich zeichnet. Neben den administrativen Aufgaben obliegt der Logenleitung auch die Vorbereitung und Durchführung aller Tempelfeiern und Konferenzen, einschliesslich der Betreuung von Kandidaten und der Beurteilung der Beförderungsarbeiten von Lehrlingen und Gesellen, wobei sie darin verschiedene Kommissionen unterstützen. Hinzu kommen Aufgaben und Funktionen im Zusammenhang mit den meist als separate Vereine, Stiftungen oder andere Gremien geführten Wohltätigkeitseinrichtungen. Damit komme ich zu einem Teil der praktischen Logenarbeit, über den in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist, obwohl sich diese für einmal nicht nach innen, sondern nach aussen richtet.

 

5. Zum gemeinnützigen Wirken der Zürcher Logen

 

Seit den Anfängen der Freimaurerei, widmen sich die Logen vielfältigen karitativen Werken. So finden sich in allen Ländern, in denen unser Bund Wurzeln gefasst hat,  Kindergärten, Schulen, Kranken- und Waisenhäuser, Altersheime und Hilfswerke aller Art, die entweder von den Grosslogen der jeweiligen Länder, lokalen Logen oder auch nur von einigen Brüdern ins Leben gerufen wurden. Das gilt auch für das Einzugsgebiet der Schweizerischen Grossloge Alpina. Als eines der jüngeren und mittlerweile bedeutendsten Werke eines Einzelgängers, nenne ich hier die Äthiopien-Hilfe „Menschen für Menschen“ des Freimaurers und früheren Filmschauspielers Karlheinz Böhm (1928-2014) mit Sitz in Zürich. Nachdem im Rahmen dieser Ringvorlesung bereits in einem separaten Beitrag auf die international und national wichtigsten Hilfswerke freimaurerischen Ursprungs eingegangen worden ist, beschränke ich mich hier auf einige gemeinnützige Institutionen, die von Zürcher Freimaurern gegründet wurden und die noch heute von ihnen betrieben werden.

 

Da sind einmal die Fürsorgeeinrichtungen jeder einzelnen Bauhütte. Sie werden gespiesen durch Spenden der Logenmitglieder und Kapitalerträge und fliesen meist bedürftigen Einzelpersonen ausserhalb unseres Bundes zu, von sechs der acht auf dem Lindenhof arbeitenden Johannislogen jedes Jahr insgesamt bis 200'000 Franken. In meiner Loge liegt das Schwergewicht bei der Unterstützung bedürftiger Jugendlicher in der Ausbildung, notleidender Logenangehöriger und Künstler, privater Vereinigungen im Bereich der Arbeit mit und für Behinderte sowie in der Mitfinanzierung infrastruktureller und integrativer Projekte von lokalen Hilfswerken oder von bedürftigen Gemeinden im Berggebiet. Zu dieser regelmässigen Sozialhilfe kamen und kommen weiterhin auch bei anderen Zürcher Logen einmalige Vergabungen, ebenfalls in fünf- bis sechsstelliger Grössenordnung. Einzelne Bauhütten führ(t)en auch Fonds zur Unterstützung von Witwen verstorbener Brüder, die Modestia cum Libertate zum Beispiel von 1840 bis 2016.  Die Loge Catena Humanitatis ihrerseits hat den Verein „Social acts“ gegründet und finanziert mit ihm jedes Jahr ein bestimmtes Projekt. Und Brüder der Loge Aurora Humanitatis haben 1998 den Verein Jonas-Furrer-Preis initiiert. Im Andenken an den ersten schweizerischen Bundespräsidenten und Freimaurer zeichnet er regelmässig Persönlichkeiten aus, die als Nichtfreimaurer im Sinne unserer humanistischen Ideale wirken und fördert ihre Arbeit mit einem Geldpreis. Erwähnt sei ferner, dass sich die Zürcher Logen jedes Jahr mit einer namhaften Spende auch an einem von der Grossloge Alpina unterstützten Sozialwerk beteiligen.

 

Bald 120 Jahre alt wird sodann der Verein Zürcher Brockenhaus, die bislang bedeutendste Gründung der Freimaurerloge Modestia cum Libertate zu Gunsten der Zürcher Bevölkerung, in der auch andere Logen sowie Vertreter der reformierten, römisch-katholischen und jüdischen Glaubensgemeinschaft mitarbeiten. Das Vereinsziel, überflüssig gewordene Gegenstände des täglichen Bedarfs entgegenzunehmen, sie günstig an Bedürftige abzugeben und den Ertrag wiederum für gemeinnützige Projekte einzusetzen, war 1904 eine Pioniertat. Nachdem man die so erwirtschafteten Betriebsüberschüsse aus dem „Brocken“-Handel zunächst während Jahrzehnten an viele kleinere Hilfswerke auszuschütten pflegte, wurden ab 1972 namentlich Altersheime und andere Sozialwerke bedacht. 1980 ging das Brockenhaus noch einen Schritt weiter und baute in Albisrieden die Alterswohnsiedlung „Friedbrunnen“. 1987 gründete man die Stiftung Holderbach, die in Zürich-Affoltern preiswerte Wohnungen für Studenten und Familien errichtete. Ebenfalls von Modestianern aufgegleist wurde und inzwischen von mehreren Logen getragen wird die Stiftung Perla Park, die im Stadtkreis 8 ein Alters- und Pflegeheim führt. Insgesamt hat das Zürcher Brockenhaus allein in den letzten 50 Jahren aus seinen Betriebserträgen im Durchschnitt jährlich 500'000 Franken an Hilfswerke und Altersheime zufliessen lassen.

 

Somit haben sich die Zürcher Freimaurer keineswegs in ihrem Tempel verschanzt, wie ahnungslose Zungen meinen. Vielmehr leisten sie heute wie damals an mehreren Fronten ein gerütteltes Mass an gemeinnütziger Arbeit. Unauffällig, ohne PR-Agenturen, Pressemitteilungen und Übergaben von Sponsorenschecks an Prominenten-Shows vor laufenden Fernsehkameras! Ob diese noble Zurückhaltung noch zeitgemäss ist, darüber wird zwar bis heute hüben wie drüben eifrig debattiert. Doch ändert das nichts am ethischen Grundsatz, wonach der Mensch Gutes um seiner selbst willen tun sollte und nicht, um damit Lorbeeren zu ernten oder sein Prestige aufzupolieren.

 

6. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

 

Gleichwohl muss man sich fragen, inwieweit das maurerische Brauchtum wirklich dazu beiträgt, unsere Mitglieder im Sinne der ethi­schen Ziele des Bundes zu beeinflussen und zu verbessern, oder ob da nicht einiges ein from­mer Wunsch sei. Eine Frage freilich, die sich weit grössere Institutionen ebenfalls stellen müssten, von den politischen Parteien, über Religionsgemeinschaften und privaten Organisationen bis hin zu den einzelnen Staaten mit ihren wachsenden Regelwerken, die oft mehr schlecht als recht funktionieren. Wie sollten da rund fünf Millionen Brüder in ihrem Tempel der Humanität mehr ausrichten können?

 

Aufgrund ihrer Geschichte und meiner persönlichen Erfahrungen mit der Freimaurerei denke ich, dass man ihre praktischen Wirkungen weder über- noch unterschätzen darf. Denn gerade ihre Vergangenheit hat eindrücklich gezeigt, welche Dynamik in ihren Idealen steckt. Mögen sie sich auch noch längst nicht überall und im erwünschten Masse erfüllt haben, ist doch unbestritten, dass beispielsweise in der Menschenrechtsfrage, in der Zusammenarbeit der Völker und Nationen sowie in der Überwindung des Analphabetismus, des Hungers und der Armut gegenüber früheren Epochen grosse Fortschritte erzielt worden sind, deren Vorzüge heute niemand mehr missen möchte. Und dass es letztlich stets eine Handvoll von Menschen war und ist, welche die Dinge vorantreiben, lässt sich aus unseren Annalen ebenfalls lernen und relativiert die Aussichtslosigkeit individuellen Handelns. Gleichwohl kann und soll hier nicht verleugnet werden, dass sich auch in unserem Kreis Proklamiertes und Praktiziertes nicht immer und überall decken. Ich denke dabei nicht vorab an Menschlich-Allzumenschliches, an individuelle und kollektive Bequemlichkeiten und Nachlässigkeiten oder an gewisse Auswüchse der Wohlstands- und Konsumgesellschaft. Ebenso wenig an die kleineren oder grösseren Affären, die leider auch unseren Bund schon Belastungsproben ausgesetzt haben.  Nein, hier interessieren grundlegendere Aspekte. Lassen Sie mich deshalb an eine kurze Selbstanalyse heranwagen:

 

Beginnen wir mit den Schwächen.  Es liegt auf der Hand, dass jeder historisch gewachsenen Gesellschaft ein Hauch von Gestern anhaftet und dass Aussenstehende vor allem diese Patina wahrnehmen. Das trifft auch auf die Freimaurerei zu. Tatsächlich zehrt unser Bund vornehmlich von seiner Substanz, ohne dass von ihm seit der Gründerzeit und dem 19. Jahrhundert wesentlich neue Impulse ausgegangen wären und er sein Kapital geäufnet hätte. Dies ist nicht nur negativ. Aber, wo das Hüten und Pflegen von Traditionen zum Selbstzweck wird, besteht doch die Gefahr, sich nicht ausreichend um die Qualität und Aktualität von Inhalten und Formen zu kümmern, sondern sich selbstgenügsam zurückzulehnen und dabei den gesellschaftlichen Wandel zu übersehen, ja zu verschlafen. Wenn man die Freimaurerei der Gründerzeit mit der heutigen vergleicht, lässt sich kaum abstreiten, dass ihre geistigen Visionen, ihre Vitalität und Kraft abgeflacht sind. Denn obwohl unsere Ideale zeitlos anmuten, tun wir uns eher schwer, ihnen neues Leben einzuhauchen und sie an den Herausforderungen der Gegenwart zu messen. Auch sind unsere Arbeiten teilweise in Formalismen erstarrt, die sich nicht rundweg reimen mit den hochfliegenden Gedanken, die sie begleiten. Insofern ist den Beobachtungen unvoreingenommener Aussenstehender ein Körnchen Wahrheit nicht ganz abzusprechen und sollten wir solche Signale ernst nehmen und selbstkritischer hinterfragen – auch und gerade dort, wo kritische Stimme aus schierer Unwissenheit über das Ziel hinausschiessen.  

 

Weitere Gefahren lauern dem Bunde in der Tendenz, die Loge vornehmlich als Zufluchtsort in eine heile Welt zu benützen und sich dem irrigen Glauben hinzugeben, allein schon die Berieselung mit ihren Idealen mache einen zum Freimaurer. Damit stelle ich in keiner Weise die Notwendigkeit und den Nutzen solchen Rückzugs vom Profanen in die Kontemplation in Frage. Im Gegenteil! Problematisch wird die Sache aber dort, wo der Tempelbau vorwiegend als schöngeistiges Glasperlenspiel verstanden wird, das anscheinend zu nichts verpflichtet und die Welt vor der Tür vergessen lässt. Aus der Sicht unserer sozialethischen Ziele, erachte ich auch die vornehme Zurückhaltung der Freimaurerei als Institution gegenüber brennenden Problemen unserer Zeit kaum mehr für haltbar, insbesondere wo es um die Auseinandersetzung mit und die Stellungnahme zu drängenden ethisch-moralischen Fragen unserer Gesellschaft geht. Es sei denn, man kapituliere bewusst vor den eigenen Idealen, seiner Fähigkeit mit Konflikten umzugehen und seiner Gesprächskultur. Deshalb wünschte ich mir von der heutigen und künftigen Freimaurerei wieder etwas von der Zivilcourage früherer Brüder oder von Wegweisern unserer Zeit, die als Nichtfreimaurer Tag für Tag im Geiste unserer Prinzipien wirken.

 

Lähmend wirken schliesslich gewisse organisatorische Strukturen und thematische Dauerbrenner, die uns – gemessen an ihrer Bedeutung – zu sehr absorbieren und uns abhalten von grundlegenderen geistigen Auseinandersetzungen, die über den Tag hinaus wirken. Natürlich klagen andere über das gleiche Phänomen, nicht zuletzt unsere Parlamente, doch entschuldigt das gewisse Mängel im eigenen „Laden“ nicht. So frage ich mich beispielsweise, ob sich die Freimaurerei nicht einen allzu grossen Luxus leistet mit ihren Diskussionen rund um reguläre und irreguläre Logen, mit ihrer Zersplitterung in verschiedene Gradsysteme oder der Frauenfrage und ob sich diese Energien nicht effizienter einsetzen liessen. Zumal dieses Treten an Ort ja selten auf schlechtem Willen beruht, sondern häufig geschichts- und systembedingt ist und bei maurerischen Grundsatzfragen auch daran liegt, dass nach wie vor die Grossloge von England als Ordnungs- und Moralhüterin des weltweiten Bundes bestimmt, was richtige und falsche Freimaurerei ist. Als Alternative dazu bietet sich bislang nur die Selbstisolation an. Doch das kann es wohl auch nicht sein, wenn man einer „weltumspannenden Bruderkette“ angehören und diese hautnah erfahren möchte.

 

Und nun zu den Stärken unseres Bundes. Persönlich halte ich die eigenarti­ge Verbindung von Mittelalter und Aufklä­rung, von Innen- und Aussenwelt, von Elementen, die sowohl an die Vernunft wie an das Herz appel­lieren für ihre herausragendste Leistung. Es gibt nur wenige Einrichtungen, die zugleich aus dem grossen Schatz vergan­ge­ner Kulturen und Epochen schöpfen, diesen in der Gegen­wart er­fahrbar machen und als zeitlos gültige Wegweiser auch für die Zukunft pflegen lassen. Und es gibt kaum eine andere weltum­spannende Vereini­gung, die auf eine so lange Tradition im Hochhalten grundlegender Menschenrechte zu­rückblicken könnte. Schliesslich findet sich keine ver­gleichbare Organisation, die so umfassend darauf ausgerich­tet wäre, das Indi­viduum immer wieder und über verschiedene Erfahrungsebenen auf seine innerste Natur und auf die Kernfragen seines Lebens zu­rückzu­führen und ihn zugleich in die Pflicht zu nehmen gegenüber der Gemein­schaft.

 

Dank der besinn­lichen und geselligen Begeg­nung von Men­schen ver­schie­den­ster Herkunft wird ferner in ihrem Kreise das Ideal der grenzüber­schrei­ten­den Bruder­kette zu mehr als einer inhaltsleeren Floskel, sondern direkt erleb­ba­re Wirklichkeit, zumindest aber zu einem prakti­schen Übungsfeld für jene Tugenden, die mehr denn je nötig sind, um einem verträglichen Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Herkunft näher zu kommen. Ich denke, dies sei nicht wenig. Inwiefern es gelingt, diese Stärke zu bewahren und trotzdem dynamisch auf neue Herausforderungen zu reagieren, hängt indessen von der Erkenntnisfähigkeit, dem Willen, der Selbstdisziplin und der Kraft jedes einzelnen Mitgliedes ab. Denn nicht der Verein und nicht seine Leitung allein, sondern jedes Glied der Bruderkette bestimmt den Gesundheitszustand und das Qualitätsniveau einer Loge mit. Man verstehe mich richtig: es geht auch in einer Freimaurerloge nicht darum, unsere individuelle Begrenztheit zu verleugnen und unrealistische Forderungen an den Menschen zu stellen. Aber eine Vereinigung, die bezüglich ihrer ethischen Wertvorstellungen mit einem hohen Anspruch aufwartet und diesen auch nach aussen hin verkündet, kann und darf sich nicht mit dem Weg des geringsten Widerstandes zufriedengeben. Nur indem sie sich selbst treu bleibt und nach innen und aussen glaubwürdig erscheint, wird sie auch in Zukunft begeisterte Botschafter ihrer Sache für sich gewinnen, lebendig bleiben und vor der Welt bestehen können.

 

7. Welt im Umbruch

 

Die spekulative Freimaurerei wurzelt einerseits im überlieferten Brauchtum der mittel-alterlichen Dombauhütten, in verschiedensten Einflüssen der Geistesgeschichte und in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Diese pochte auf die natürlichen Rechte des Individuums, war vernunftsbetont, von einem optimistischen Glauben an den Menschen geprägt und von dessen absoluter Mündigkeit überzeugt. Vor allem aber bildete sie die Grundlage für einen in der rund 70‘000-jährigen Geschichte des Homo sapiens einzigartigen Entwicklungssprung. Vernunft, wissenschaftliche Erkenntnisse und technischer Fortschritt haben in den vergangenen 200-300 Jahren dazu geführt, dass heute weltweit mehr Menschen denn je länger, gesünder, besser, gerechter, sicherer und zufriedener leben. Denn Armut, Kriege und Krankheiten und deren Opfer sind während dieser Zeit auf der Welt insgesamt stark zurückgegangen. Aber ebenso gewiss ist, dass uns dieser Fortschritt auf manchen Gebieten auch eine zwiespältige Rechnung präsentiert, die Relativität unseres Wissens und fatale Auswirkungen unseres faustischen Treibens aufzeigt, wenn wir etwa an die jüngsten Trends auf dem Gebiet der Bio-, Informations- und Roboter-Technik denken. Spätestens seit Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und neuerer Forscher im Bereich der Psychologie, Soziologie und anderer Geistes- und Humanwissenschaften und erst recht seit der intensiveren Begegnung mit andern Völkern und Kulturräumen regt es sich zudem wieder stärker im Unterbewusstsein der Menschen, dass alles viel stärker vernetzt ist, als wir bisher dachten. Vorzeichen einer sich anbahnenden neuen Spiritualität des Individuums, der im Chaos seiner Welt und Zeit wieder nach geistiger Orientierung und innerem Halt sucht? Ich weiss es nicht.

 

Sicher ist jedoch, dass Homo sapiens wieder einmal an der Schwelle eines grösseren Umbruchs steht. Der erste erfolgte, als er lernte abstrakt zu denken; der zweite, als er vom nomadisierenden Jäger zum bodenbewirtschaftenden Bauern wurde; der dritte, als er in der Antike begann, sich rechtliche Strukturen für sein Zusammenleben zu geben, und der vierte, als er begann, die Welt und sich wissenschaftlich zu erforschen und die Ergebnisse daraus gezielt in Politik und Wirtschaft einzusetzen. Seit der Aufklärung revolutioniert der Mensch dank seiner Fähigkeit, auf sich verändernde Bedingungen flexibel zu reagieren und dabei mit andern zusammenzuarbeiten, seine Welt immer schneller. Dies alles scheint zusammenzuhängen mit dem schwindenden Einfluss der Antike, der jüdisch-christlichen Kultur und der Renaissance sowie mit der Integration von Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften und ihren erstaunlichen Parallelen mit den spirituellen Traditionen des Morgen- und Abendlandes. War das Weltbild von gestern geprägt von einer dualistischen Sicht und der Vorstellung, dass alles linearen Gesetzen folgt, bemerken wir heute, wie viel komplexer und eng miteinander vernetzt alles ist. Ja, dass sich alles in einem ständigen, sich selbst regenerierenden Prozess befindet, der Kosmos wie ein lebendiger Organismus funktioniert. Und dass eine göttliche Instanz, sofern man überhaupt noch an ihre Existenz glaubt, so etwas wie ein dynamisches Prinzip darstellen dürfte, das alles durchwirkt und der Mensch nur im Einklang mit diesem in Frieden leben kann. Die Kooperation in internationalen Körperschaften zur Überwindung ethnischer, kultureller, religiöser und politischer Konflikte und Grenzen nach den blutigen Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, die Liberalisierung und Globalisierung des Handels und Verkehrs von Gütern und Menschen haben diesen Prozess begünstigt und uns gelehrt, dass die Welt zusammenwächst und Unterschiede jeglicher Art sich langsam aber stetig auflösen.  

 

Besorgt beobachten wir aber auch gegenläufige Entwicklungen. Die Weltbevölkerung wächst jeden Tag um rund 230'000 Menschen, unser Planet wird um seine Ressourcen gebracht, die Umwelt aller Deklarationen zum Trotz weiterhin überlastet, Natur und Leben kurzfristigem kommerziellen Denken geopfert, ohne dass wir die langzeitigen Auswirkungen unseres Handelns genauer abzuschätzen vermöchten. Aus regionalen Märkten ist ein globaler geworden, der von knallharten Mechanismen bestimmt und auf die neuerdings mit protektionistischen Massnahmen aus alten Zeiten reagiert wird und von denen niemand vorauszusagen wagt, wer da wo als Sieger und Verlierer hervorgehen wird. Völker und Kulturen fliessen immer rascher ineinander und haben zu einem explosiven Gemisch rund um Sitten und Werte geführt und treiben kriminelle Drahtzieher einst relativ stabile Gesellschaften zusehends in eine Art internationalisierten Guerillakrieg. Altbekannte und neue Formen von Machtspielen, Kolonialismus, Rassismus, Nationalismus, religiösem und politischem Fanatismus schüren soziokulturelle Konflikte, die eine gefährliche Eigendynamik entwickeln. Ganz abgesehen von der Destabilisierung der Finanzmärkte infolge maroder Volkswirtschaften. Dazu kommt, dass lange als ausgleichende Elemente gegoltene Kräfte erodieren und neu aufkommende globale und regionale Spieler ihre Berechenbarkeit und Stabilität erst noch unter Beweis stellen müssen. Kurzum: der Menschheit geht es zwar insgesamt besser, aber die Welt ist gleichzeitig labiler geworden.

 

In einer Zeit, wo Homo sapiens die Welt der Mythen hinter sich gelassen und sich längst selbst zum Schöpfergott gemacht hat und sich anschickt, die Gesetze der natürlichen Auslese ausser Kraft zu setzen, mittels technischen Manipulationen tiefgreifend in seine Genstrukturen einzugreifen und zugleich wichtige Entscheidungen immer mehr elektronischen Superhirnen zu überlassen, scheint das aufklärerische Erbe mit seinen humanistischen und liberalen Idealen an einem Wendepunkt angelangt zu sein. In dessen Zentrum stehen grundlegende Fragen um unsere Ethik, wie: was ist zu tun? was sollen wir als Gesellschaft und was darf ich als Individuum tun? Bei manchen Themen, geht es um Leben und Tod des Einzelnen, andere betreffen grössere Gruppen, das eigene Volk, den Staat, einzelne Regionen oder die Menschheit insgesamt. Aber auch sie berühren den Einzelnen stets mit, da er häufig direkt oder indirekt von ihnen betroffen und deshalb zugleich gefordert ist, zu ihnen Stellung zu nehmen, auch in seinem täglichen Verhalten. Uralte Fragen um das Existenzrecht und die Freiheit des Individuums und seine Würde haben angesichts der schier grenzenlosen Machtfülle, welche Wissenschaft und Wirtschaft in der jüngeren Vergangenheit dem Menschen in die Hände gegeben haben, eine neue Dimension gewonnen.

 

Nicht genug damit: wo stehen wir hier und anderswo bezüglich grundlegender Menschenrechte und -pflichten, der Stellung von Frau, Mann und Kind, des Zusammenlebens der Kulturen und der Akzeptanz ihrer unterschiedlichen Normen und Gebräuchen, der Bildung und Erziehung, des Rechts auf Arbeit, eines gerechten Lohnes, einer fairen Verteilung der Güter, kurz eines menschenwürdigen Lebens? Oder ein dritter Themenkomplex: Ist es noch zu verantworten, dass ein Bruchteil der Weltbevölkerung Dreiviertel des weltweiten Konsums an nichterneuerbaren Energien für sich beansprucht – vorwiegend, um unnötig Güter und Menschen rund um den Erdball herumzuschieben? Ja, wie gehen wir mit Blick auf unsere Nachkommen überhaupt mit der Natur um, oder wie verhalten wir uns angesichts ökologisch und ökonomisch fragwürdiger Methoden der industriellen Tierproduktion gegenüber unserm nach heutigem Wissensstand ebenfalls leidensfähigen Mitgeschöpfen um, ganz zu schweigen mit der Pflanzenwelt und dem Wasser, neben dem Sonnenlicht die wichtigsten Grundlagen allen Lebens auf dieser Erde?

 

Trotzdem darf gehofft werden. Denn die Geschichte hat wiederholt gezeigt, dass akute Krisenzeiten stets auch Phasen des Umdenkens und Aufbruchs in eine neue Epoche einläuteten und dass der Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen nicht zwingend im Chaos und Niedergang enden muss. Insofern ist es keineswegs utopisch, auch in dieser wirren Zeit den Mut zu bewahren und entschlossen überfälligen Reformen und Strategien einzuleiten, um das Zusammenleben der Menschen veränderten Bedingungen gemäss neu zu definieren und anzupassen. Denn nicht alle Ideale und Spielregeln von gestern taugen noch, um mit den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen fertig zu werden. Die anstehenden Aufgaben verlangen vordringlich ethisch-moralische Antworten der Gesellschaft und ein entsprechendes politisches Handeln von Staat und Völkergemeinschaft, fordern aber auch alle zivilen Organisationen und jedes verantwortungsbewusste Individuum heraus. Nur, wonach soll sich der einzelne Mensch richten, soll er nicht überfordert werden, resignieren, kapitulieren?

 

8. Herausforderung und Chance der Freimaurerei

 

Hier erscheint mir eine Körperschaft, wo Weisse und Schwarze, Freidenker, Christen und Angehörige anderer Glaubensbekenntnisse, Wissenschaftler und Schreiner, Manager und Musiker, Professor und Student, Divisionär und Soldat gleichgestellt sind und jeder unabhängig von seiner Herkunft, seinem Bildungshintergrund und weltlichen Rang den selben Weg durchlaufen muss, eine sinnvolle Plattform zu sein, um Eigenschaften und Fähigkeiten einzuüben, die eine Welt im Umbruch erheischt. Kommt dazu, dass sich in der Schatzkammer der Freimaurerei einiges von zeitloser Gültigkeit findet, das nicht neu erfunden, sondern oft nur neu gelesen, interpretiert, ergänzt, vertieft oder wiederbelebt werden muss. Wer am Puls der Zeit fühlt, erkennt rasch, dass dieser Bund allein mit seinen Grundprinzipien der Humanität, der Toleranz und des Kosmopolitismus, aber auch mit seiner Verbindung von Innen- und Aussenwelt, seiner auf die Selbstbesinnung und auf ein sozialverantwortliches Wirken ausgerichteten Ethik, bei allem Handlungsbedarf in Teilbereichen, überaus zeitgemäss ist. Denn Aufklärung lässt sich, wie wir heute wissen, mitnichten nur einseitig gleichsetzen mit westlich-abendländischen Werten. Im Gegenteil! Lange vor dem 17. Jahrhundert spielte die Aufklärung in umgekehrter Richtung vom Osten nach Westen, wenn wir etwa an den Einfluss der arabischen Kultur auf die Mathematik, Astronomie, Medizin, Architektur, des Kunsthandwerks und der Dichtkunst denken. Kein Wunder, denn als die ersten Kreuzritter zur „Befreiung“ Jerusalems aufbrachen, blühten in Damaskus, Bagdad, Alexandria und andern Städten des Vorderen und Mittleren Ostens schon seit Generationen wissenschaftliche Zentren, die das antike Erbe hüteten und weiterentwickelten und entstanden wegweisende humanitäre Einrichtungen, während im bäuerlich-kriegerisch geprägten Europa noch nichts dergleichen bestand. Selbst in unserem Bund, in den ebenfalls wichtige Elemente aus diesem ost-westlichen Austausch eingeflossen sind, wird das oft vergessen! Dieses Kapitel abseits wilder Spekulationen systematischer aufzuarbeiten und den Weizen von der Spreu zu trennen, würde nichts schaden.

 

Doch das bedingt, dass auch die Freimaurerei die Kraft aufbringt, sich von Zeit zu Zeit einer Selbstprüfung zu unterziehen und Mass zu nehmen an den grossen Veränderungsprozessen unserer Epoche. Dazu ist sie umso mehr verpflichtet, als sie trotz der Abgeschirmtheit ihrer Tempel ebenfalls Teil der gesamten menschlichen Gemeinschaft ist, von dieser wahrgenommen und beurteilt wird und ihr Tun und Lassen vor dieser zu rechtfertigen hat - ob sie will oder nicht. Schon deshalb wird sie als Institution vermehrt aus ihrer Beschaulichkeit heraustreten und nicht nur am idealen, sondern auch am realen Tempel der Humanität mitarbeiten müssen. Einerseits durch eine zeitgemässe und qualitätsvolle Pflege ihrer Kultur der Stille und Reflexion, die gerade in einem von Lärm, Narzissmus und Hedonismus bestimmten Umfeld vielen suchenden Menschen etwas bieten kann. Sie ist aber auch angehalten, ihre Normen zu überprüfen und diese zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme einzubringen, gegebenenfalls anzupassen und weiter zu entwickeln. Einige Stichworte am Beispiel unserer Grundprinzipien mögen aber ein paar mögliche Ansätze dazu skizzieren:  

 

Stichwort Toleranz: Es besteht für mich kein Zweifel, dass dieser Begriff in einer multikulturellen Welt und der offenen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts anders zu beurteilen und zu bewerten ist als im relativ geschlossenen Gesellschaftssystem der Aufklärung vor 200-300 Jahren und dass dies auch die freimaurerische Vorstellung von Toleranz direkt berührt. Dabei geht es nicht nur um Definitionen und Unterscheidungen von der Art, dass die Toleranz des einen ihre Grenzen in der Intoleranz des andern finden muss, sondern vielmehr darum, wie wir mit ihr in Staat und Gesellschaft, in den Institutionen und im persönlichen Umfeld von Beruf, Freundeskreis und Familie umgehen. Angesichts der sozialen Konfliktfelder, denen wir uns gegenübersehen, ist da mit Lippenbekenntnissen kaum mehr etwas auszurichten. Noch weniger mit betretenem Schweigen oder stiller Duldung gegenüber alten und neuen Formen der Intoleranz. Wer, wenn nicht die Freimaurerei, ist auf Grund ihrer Tradition berufen, sich immer wieder intensiv mit diesem Thema zu befassen und über den engen Blickwinkel der Loge hinaus zusammenzuspannen mit Kreisen, die sich seiner ebenfalls annehmen? Oder auf verschiedenen Ebenen wissensvermittelnde und dialogfördernde Strukturen zu bilden zur Begegnung und Verständigung unterschiedlicher Kulturen? Allenfalls auch nur Projekte Dritter zu unterstützen, die sich mit Integrationsfragen befassen.

 

Stichwort Humanität: Wenn es ein einzelner Bruder aus unserer Kette 1946 geschafft hat, seine Vision des Flüchtlingsdorfes „Pestalozzi“ wahrzumachen und 1981 ein anderer ein afrikanisches Hilfswerk von internationaler Ausstrahlung auf die Beine stellen konnte, vermag auch eine Loge, eine Grossloge oder die Weltgemeinschaft der Freimaurer einiges zu bewegen. Sollte man meinen. Denn an den menschlichen und geistigen Ressourcen fehlt es in unserem Bund keineswegs. Und die Möglichkeit, konkrete Vorhaben nach dem finanziellen Potenzial zu richten, besteht auch. Ebenso die freie Wahl der Themen und ob man vorzugsweise auf der lokalen, nationalen oder internationalen Ebene agieren und Synergien bestehender Hilfswerke nutzen und fördern will. Kurz der Palette sinnvoller Einsätze sind kaum Grenzen gesetzt. Ob arbeitslosen Jugendlichen dieser Stadt eine Perspektive geboten, eine Studie über ein humanitäres Thema aufgegleist, in einem Notstandsgebiet eine Arztpraxis, ein Spital oder Flüchtlingslager unterstützt, einem afrikanischen Dorf zu Wasser verholfen, in Zentralamerika eine Schule errichtet, irgendwo in Asien ein Schutzwald finanziert, ein landwirtschaftliches Projekt initiiert, oder in einer unter den Nachwehen krimineller und repressiver Despoten leidenden Region Grundwissen über den Aufbau demokratischer Strukturen und versöhnungsfördernder Massnahmen vermittelt werden soll, ist zweitrangig und letztlich eine Frage der individuellen Prioritätensetzung und Solidaritätsphilosophie.

 

Stichwort Kosmopolitismus: Angesichts der Erkenntnis, dass das Leben auf Erden unteilbar ist, wir alle auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind und wir die wichtigsten Gegenwartsprobleme gemeinsam lösen müssen, drängen sich Institutionen wie die Freimaurerei als bewährte Modelle und Wegweiser geradezu auf. Zumal die gegenseitigen Besuche von Mitgliedern unseres Bundes über alle Grenzen hinweg und das damit verbundene unmittelbare Erlebnis der „weltumspannenden Bruderkette“ zweifellos zu den schönsten und nachhaltigsten Erfahrungen im Leben eines Maurers gehören. Im Lichte der fortschreitenden Globalisierung, Internationalisierung und Durchmischung der Kulturen, könnte der freimaurerische Kosmopolitismus dank der engen Verflechtung unseres Ordens über diese gesellschaftliche Komponente hinausgreifen und vermehrt praktisch genutzt werden. So könnten Zürcher und Schweizer Freimaurer mit solchen in einem beliebigen Erdteil zusammenspannen und mit ihnen gemeinsam Projekte verwirklichen, von denen beiden Seiten profitierten und die zugleich der Allgemeinheit dienten, im humanitären Bereich genauso wie in demjenigen der Menschenrechte oder der Kulturvermittlung. Dieses Netzwerk ist zwar  schon bisher gepflegt worden, beschränkte sich aber im Wesentlichen auf den freundschaftlichen Austausch zwischen Logen und ihrer Mitglieder, weshalb seine Möglichkeiten meines Erachtens noch keineswegs ausgeschöpft sind.

 

Schluss

 

Der Freimaurerbund verfügt über eine stattliche Palette von Mit­teln, um seine ideellen Anliegen und die persönliche Entwicklung des Menschen zu fördern, Instrumente, die aus dem uralten Schatz der Kulturgeschichte schöpfen und zugleich Erkenntnisse aus neueren Wissensbereichen berücksichtigen und synthetisieren. Auch können manche Logen auf der sozialen Ebene teilweise einen Leistungsausweis vorlegen, der sich sehen lassen darf, und von dem zu wünschen wäre, dass ihn gelegentlich auch unsere notorischen Kritiker zur Kenntnis nähmen. Die Freimaurerei hat aber auch mit Stagnationssymptomen zu kämpfen. Gefahren drohen ihr weniger seitens der Mitgliederzahlen und der Altersstruktur, als von einem gewissen Hang zur Selbstgefälligkeit und Bequemlichkeit. Überholt ist sie deswegen keineswegs. Vielmehr steckt in ihr, gerade in orientierungslos gewordenen Zeiten wie der unsrigen, nach wie vor ein erhebliches Entwicklungspotenzial - sowohl auf der Ebene der Spiritualität als auch ihrer Sozialethik. Ob sie sich aus ihrer Mitte heraus zeitgemäss und doch ihren Zielen treu zu erneuern vermag, hängt vom Willen des ganzen Bundes, von jeder Loge, besonders aber vom einzelnen Bruder ab. Unsere Ideale, Symbole und Riten können dazu nur ein Hilfsmittel, ein Wanderstab sein. Gehen muss den Weg jeder selber. Denn auch wir Freimaurer sind erst unterwegs Menschen zu werden – ganze Menschen.

 

* Ende 2018 aktualisierte Fassung des vom Autor am 9.12.2004 an der Universität Zürich gehaltenen Vortrages anlässlich der Ringvorlesung über „150 Jahre Logengebäude auf dem Lindenhof“ der Volkshochschule des Kantons Zürich